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Rune Factory 2: Was bei einer Lokalisierung alles schief gehen kann

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Autor: Tjark Michael Wewetzer

Kategorie: Kolumnen
Umfang: 1 Seiten

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NintendoDS Artikel vom 09.11.2010



Regelmäßige Leser dieser Seite und Anhänger der „Harvest Moon“-Reihe wissen bereits: Wer sich ein Spiel der beliebten Bauern-Sim ins Haus holt, darf zumindest in der deutschen Version auf ein paar unfreiwillige Lacher gefasst sein oder sollte in Anbetracht der enthaltenen Verstöße gegen die sprachliche Richtigkeit schon mal seine Wand wegen der garantierten Kopfabreibungsschäden verstärken. Spätestens seit „Harvest Moon 2“ zu seligen Gameboy Color-Zeiten lassen sich hier ein paar Küren finden, dort ein Hühn, dann einen Ort an dem das Vieh leben and maybe even an untranslated piece of dialogue. Man könnte fast meinen, das Team bestünde aus entlassenen Teilen des Konami-Übersetzungsteams. Auch neuere Titel mit dem „Harvest Moon“-Label erfreuen sich zahlreicher Patzer, doch bisher dürfte wohl kaum einer so katastrophal sein wie der jüngste in Europa angelaufene Spross: „Rune Factory 2“. In unserem Test mag der Nachfolger des Fantasy-Spin-Offs ja noch gut abgeschnitten haben. Das soll aber noch lange nicht bedeuten, dass alles gut im Königreich Norad ist. Oder war es das Königreich Norad? Sicher sind wir uns da nicht mehr.

Thinking – and writing – outside the box

Es bedarf nicht einmal eines aufmerksamen Auges, einen der zahlreichen Fehler aufzuspüren. Es sind Dinge, die eigentlich jedem Menschen sofort auffallen sollten. Oder ist „Rune Factory 2“ in Wahrheit ein kleines Lückentext-Abenteuer, bei dem der Spieler ein paar Zeilen der Dialoge noch selbst einsetzen muss? Manche Texte ragen nämlich sauber aus der Box -und damit auch aus dem Bildschirm- heraus. Die Erklärung für die Fähigkeit „Kochen“ im Menü verrät uns zum Beispiel folgendes: „Dein Geschick vielseitig zu kochen. Ein hohe“. Also dann, liebe Lückentext-Liebhaber! Wie muss der folgende Satz enden? Ist es A) „s Ross kann gut als Pfanneninhalt dienen“? Oder vielleicht doch eher B) „r Wert kann durch Übung erlangt werden“? Wie wäre es mit C) „r Wert legt neue Rezepte frei und ermöglicht besseres Essen“? Antwort D) „r Eiweißgehalt gehört zu einem gesunden Mahl dazu“ klingt jedoch auch nicht schlecht. Auf Basis der englischen Sprachversion können wir zumindest vermuten, dass C) gemeint war. Lesbar ist dieser Abschnitt in der deutschen Fassung aber so oder so nicht, womit die Wahrheit ein wohlbehütetes Geheimnis des Lokalisierungsteams bleibt.

Wie? Ihr meint, das wäre ein kleiner Ausrutscher? Und dann auch noch bei einer recht unwichtigen Erklärung? Ihr irrt euch. Es ist keine Seltenheit, dass ganze Textpassagen einfach so vom rechten Bildschirmrand verschluckt werden. Im täglichen Gespräch mit den anderen Bewohnern des Dorfes finden sich Schätze wie „Ich würde gerne etwas tun, das der Wissens“, „Ich wünschte, er würde aufhören Arger zu m“ (und ja, das „Arger“ steht ebenfalls so im Spiel), „Diese ganzen verschiedenen Arten von Pärchen da draußen sind schon faszinie“ und „Ich habe gehört, dass wenn man Joghurt iss[Bildschirmende] bevor man seiner Angebeteten seine Liebe [Bildschirmende] die Zuneigung der Angebeteten steigen soll“. In einem ganz kuriosen Fall hatten wir sogar vier besondere Dialogzeilen, von denen die erste zum Teil aus dem Bildschirm hinausragte und die vierte so lang war, dass das Ende des Satzes einerseits ebenso den rechten Rand des DS-Screens inspizierte, andererseits aber auch von dem „Sie können den Dialog nun mit der A-Taste fortsetzen“-Pfeil verdeckt wurde. Solche Texte hat man doch richtig gerne!

Textbausteine und Grammatik vertragen sich nicht

Selbstverständlich werden manche generischen Texte nicht für jeden kleinen Gegenstand, um den er sich potentiell drehen könnte, neu geschrieben. Entwickler bedienen sich daher eines kleinen Tricks, eines Platzhalters. Der sorgt dafür, dass das richtige Item seinen Platz im Dialog einnimmt und alles trotzdem natürlich wirkt - zumindest, wenn man diese Technik richtig anwendet. „Rune Factory 2“ zeigt auf wahrlich beeindruckende Weise, wie man besagtes Wundermittel der Texterstellung nicht nutzen sollte. Noch im verzeihbaren Rahmen ist die häufige Nutzung einer Konstruktion der Marke „Ich mag besonders folgendes: ERDBEERE.“ Doch was, wenn einem dieses kleine Mittel einen Streich spielt? Tja, dann bekommen wir Glanzleistungen wie „Ich stehe auf: DIAMANTS.“ Jepp, Diamants. Oh, ihr denkt da an Diamanten? Nein, die gibt es im „Rune Factory“-Fantasy-Land wohl nicht. Hier sind es Diamants. Und „WEISSKOHLs“. Wobei man da noch darüber streiten kann, ob's nun richtig ist oder nicht. Diamants ist und bleibt allerdings ein Fehler.

Noch viel lustiger wird es, wenn sich in die Gegenstandsbezeichnung ein Fehler eingeschlichen hat. Wir alle sind hoffentlich damit vertraut, dass man in „Harvest Moon“-Spielen nicht nur mit pflanzlichen Produkten Geld verdienen kann, sondern auch die Möglichkeit hat, Eier, Milch und Wolle von Tieren in Bares zu verwandeln. In „Rune Factory 2“ ersetzen Monster die Rolle von Schaf, Kuh und Hühn. Und unter den Werkzeugen gibt es ebenfalls einen kleinen Ersatz: „Ein MELKASCHINE“. Nein, keine Melkmaschine. Ich rede von ein Melkaschine. Ihr wisst nicht, was das sein soll? Nun, eigentlich erfüllt es genau den selben Zweck wie das Standard-„Harvest Moon“-Gegenstück: Es wird an die Euter eures Kuh-ähnlichen Wesens geklemmt und füllt die Milch in Tüten ab. Der einzige große Unterschied besteht in dem fehlenden M. Und falls ihr den Patzer beim ersten Mal übersehen haben solltet, keine Bange! Der Charakter, der euch das Gerät feierlich überreicht, wiederholt das Wort gerne immer und immer wieder bis zum Ende des Dialogs. Man könnte fast meinen, man sei auf den Tippfehler stolz gewesen.

Äh, Schatz? Wer ist dieser Aaron, von dem du da sprichst?

Nun könnte man meinen, dass wohl kein Mensch des Lokalisierungsteams mal zu Korrekturzwecken einen Blick auf die deutschen Texte geworfen hat. Doch wir finden, anhand eines kleinen Bausteins lässt sich durchaus sowas wie einen Tester ausfindig machen. Wie wir auf seinen Namen gestoßen sind? Der Charakter Cammy hat ihn uns verraten. Was wir für eine Erdbeere an Details an Land ziehen können... Nachdem wir ihr nämlich das Nahrungsmittel übergeben hatten, bedankte sie sich auch anständig: „Vielen Dank, Aaron!“ Okay, mein Name ist Alanar, beides fängt mit A an. Das kann man ja schon mal verwechseln. Oder? Nein, daran kann es nicht liegen. Auch der Standard-Name des Protagonisten scheidet aus, der lautet nämlich Kyle. Wir haben drei Theorien bezüglich der Identität des mysteriösen Aarons. Vielleicht sind wir in Wahrheit die Reinkarnation eines alten Helden, der den Namen Aaron trug und dessen Geist unseren Körper zeitweise übernimmt? Es könnte genauso gut sein, dass Cammy -anders als der Amnesie-geplagte Held- über unsere Vergangenheit Bescheid weiß und uns subtil darauf hinweisen wollte, wer wir wirklich sind. Oder, wie bereits angeklungen, Aaron ist der Name des firmeninternen Testspielers, der natürlich bei der Nutzung seines Namens keinen Fehler im Namensgenerator sah. Schade nur für alle, die eben nicht Aaron heißen. Oder gruselig für alle, die ihren Charakter nicht Aaron getauft haben, aber in der Realität diesen Namen tragen. Doch Spaß beiseite, die Lösung ist wesentlich simpler: Bei Aaron handelt es sich um den Standard-Namen des männlichen Kindes, das man im Spielverlauf bekommen kann. Augenscheinlich hat man anstelle des Namen-Platzhalters bei Cammys Dialog besagten Namen fest eingegeben.

Apropos Cammy: Das kleine Mädchen hat uns auch die Vorlage für unsere Überschrift geliefert. Irgendwann im Spielverlauf stellt sie dem Spieler nämlich die Frage, ob er wisse, wie das Land heißt, in dem sie leben. Ein Blick auf die Antwortmöglichkeiten lässt auf eine Scherzfrage schließen. Beide lauten nämlich „Königreich Norad“. Wer sich für die untere Variante entscheidet, erntet auch ein fröhliches „Richtig!“. Aber wehe, ihr wählt das obere Königreich Norad. Dann nämlich werdet ihr belehrt, dass ihr nicht im Königreich Norad wohnt, sondern im Königreich Norad! Verwirrt? Wir auch.

Fission Mailed oder gibt es noch grünere Gräser?

Bei all den Pannen in der deutschen Fassung müssen wir aber dennoch ein kleines Lob an das Team aussprechen. So sind -von den Satzbaustein-Ruinen abgesehen- die Texte wenigstens weitestgehend alle deutschsprachig und verständlich, wenn sie dann mal auf dem Bildschirm bleiben. Und den herrlich verunglückten Namen Cäcilia aus dem ersten „Rune Factory“ hat man repariert. Das Mädel heißt nun wieder Cecilia. Es ist also nicht alles komplett verhauen. Und man kann es auch positiv sehen: Sollte irgendwo mal ein Seminar zum Thema Lokalisierungsarbeiten in Videospielen abgehalten werden, bei dem die Besucher lernen sollen, welche Fehler es zu vermeiden gilt, kann man getrost eine halbe Stunde lang normal „Rune Factory 2“ vorführen und anschließend sagen: „So nicht, meine Damen und Herren.“ Denn aus Fehlern lernt man, und seien es nur die der anderen. Wir wünschen der Abteilung für die deutsche Version viel Glück mit „Rune Factory 3“! Wir haben das Gefühl, dass sie es brauchen können.

Gräbt im Königreich Norad nach Diamants: Tjark Michael Wewetzer [Alanar] für PlanetDS.de
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