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Wissenschaftler Siegfried Lehrl im Interview

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Autor: Kevin Jensen

Kategorie: Interviews
Umfang: 1 Seiten

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NintendoDS Artikel vom 07.06.2006



Mit der Erscheinen von Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging und dem bevorstehenden Titel Big Brain Academy, haben wir uns gefragt, was diese Programme wirklich können. Wir haben bei den Kollegen der Forschung angeklopft und Siegfried Lehrl als kompetenten Ansprechpartner gefunden. Kann man mit Nintendos neustesten Programmen wirklich die Gehirnzellen auf Trab bringen? Mehr dazu im Interview.

PlanetDS.de: Könnten Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen?

Siegfried Lehrl: Mein Name ist Siegfried Lehrl. Ich bin tätig in Forschung und Lehre an der Universität Erlangen, wo alle Medizinstudenten bei mir Medizinische Psychologie lernen. Mein Forschungsschwerpunkt: Messung und Förderung der geistigen Leistungsfähigkeit bei Einzelnen, Regionen und ganzen Staaten.

1981 habe ich mit zwei Kollegen den Ausdruck „Gehirnjogging“ erfunden und mich seitdem intensiv darum bemüht, immer bessere Methoden zur Steigerung der geistigen Fitness, in anderen Worten „Intelligenz“ zu finden bzw. zu entwickeln. Für Gesunde und Kranke jeden Alters. Seit mehreren Jahren bin ich der 1. Vorsitzende der internationalen GfG (Gesellschaft für Gehirntraining e.V.).

PlanetDS.de: Wie stehen Sie persönlich zu der Hypothese, dass man mit einem Videospiel die grauen Zellen auf Trab halten kann?

Siegfried Lehrl: Hier spreche ich nicht nur für mich, sondern auch für andere Fachleute: jedenfalls. Allerdings sind die meisten bekannten Videospiele dazu weniger geeignet.

PlanetDS.de: Jeder zehnte Deutsche im Alter von über 75 Jahren gilt (in mehr oder weniger hohem Maße) als dement. Für wie sinnvoll halten Sie die Tatsache, dass Nintendo die "Brain Training" Software Demenzpatienten zur Verfügung stellt? Kann man bei dieser Behandlungsmethodik mit kleinen Erfolgen rechnen?

Siegfried Lehrl: Ich halte es für sehr sinnvoll. Es wird allerdings nur bei einem Viertel der Demenzpatienten gelingen. Bei denen, die vor der Erkrankung überdurchschnittlich intelligent waren und nur an einer leichten, also keiner mittelschweren oder schweren Demenz leiden. Im Hintergrund sollte sich ein Ansprechpartner halten, der mal helfen kann, wenn bei der Spieldurchführung ein Problem auftritt.

PlanetDS.de: Da die Software „Brain Training“ über verschiedene Anwendungsbereiche verfügt, sollen auch verschiedene Areale des menschlichen Gehirns durch Beanspruchung trainiert werden – Gerücht oder Fakt? (Zumal die bei bestimmten Aktivitäten beanspruchten Gehirnareale ja keine fixen Grenzen zu den Nachbararealen besitzen)

Siegfried Lehrl: Dass verschiedene Areale aktiviert werden, hatte bereits Prof. Kawashima mit Bildgebenden Verfahren nachgewiesen. Dabei wird jedoch, was für die Intelligenz wichtig ist, immer das Vorderhirn, der so genannte Präfrontalkortex, mit aktiviert.

PlanetDS.de: Wie die Hirnforschung bereits bewiesen hat, werden beim Schlaf Synapsen im Gehirn neu verknüpft - auch scheinbar Vergessenes wird somit ins Gedächtnis gerufen. Beim Lösen solcher Gedächtnisaufgaben, wie sie in Brain Training enthalten sind, sollen ähnliche Prozesse von statten gehen, neue Synapsen sollen verknüpft werden - Wahrheit oder nicht?

Siegfried Lehrl: Sicherlich regen die Gedächtnisaufgaben in Brain Training Synapsenverknüpfungen an. Später, in der Ruhe oder im Schlaf, setzen sich die beschriebenen Prozesse der Vernetzung im Gehirn fort. Obendrein wird wenige Tage nach Übungsbeginn das Gefäßsystem zur Blutversorgung dichter und leistungsfähiger.

PlanetDS.de: Wie wirksam ist so ein Spiel wirklich? Trainiert es das Gehirn besser als andere Gehirnjogging-Tätigkeiten? Und erreicht man nicht den selben Effekt, wenn man etwas aufgeweckt durchs Leben geht und nicht jeden Unsinn mit einem Taschenrechner löst?

Siegfried Lehrl: Mit dem Spiel kann man echtes Gehirnjogging durchführen, wie es bei der Entwicklung des Ausdrucks beabsichtigt war. Viele verwenden das Wort heute, weil sie sich nicht näher damit beschäftigt haben, leider für etwas, was mit dem ursprünglichen Vorhaben, das Gehirn effizient zu fördern, nichts zu tun hat. So wie sie nicht genau wissen, was ein effizientes Gehirnjogging ist, tun sie auch im Alltag oft nicht das, was das Gehirn besonders fördern würde. Das leitet, wie Intelligenztestungen belegen, schon ab dem 25. Lebensjahr bei vielen den schleichenden mentalen Abbau ein. Davon sind leider auch „Aufgeweckte“ betroffen.

PlanetDS.de: Kann übermäßiges "Hirmtraining" ähnlich wie bei übermäßiger körperlicher Betätigung den gegenteiligen Effekt bewirken, oder bleibt das Training in diesem Fall schlicht ohne sichtbare Ergebnisse?

Siegfried Lehrl: Übertraining schadet. Einige Studien belegen es. Wenn Hirntraining zum unangenehmen Stress wird und dies überdies langfristig, ist ein Ausbrennen zu erwarten, das so genannte „Burnout-Syndrom. Einige Wissenschaftler haben sogar Nachweise geliefert, dass dieses Zuviel an Gutem Alzheimer-Demenzen fördert.

PlanetDS.de: Ernährungswissenschaftler würden raten, viel Obst und Gemüse essen und Sport treiben. Was sollte man täglich tun, um seine grauen Zellen auf Trab zu halten?

Siegfried Lehrl: Ein bis zwei Mal Dr. Kawashimas Gehirnjogging. Jeweils nur fünf bis zehn Minuten als Initialzündung für andere Tätigkeiten im Alltag. Wer allerdings im Alltag geistig nicht mehr viel gefordert wird, kann durchaus noch 30 bis 90 Minuten lang weitere Übungen anschließen.

PlanetDS.de: Zum Schluss: Gibt es etwas, was Sie unseren Lesern mitteilen möchten?

Siegfried Lehrl: Sich nicht nur selbst geistig fit machen, sondern auch andere mitreißen. Denn wenn viele im eigenen Umkreis ihre geistige Fitness steigern, wirkt die Erhöhung von deren Lebensqualität auf die eigene wieder zurück. Mehr Lebensqualität bedeutet: mehr Optimismus, weniger Fettleibigkeit, mehr Gesundheit und Wohlhabenheit.

Das Interview wurde geführt von Kevin Jensen für PlanetDS.de

Vielen Dank an Siegfried Lehrl für das Interview.
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