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Seite 2: Kolumne - Der "Ekel" vor Videospielen

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Autor: Tjark Michael Wewetzer

Kategorie: Kolumnen
Umfang: 2 Seiten

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NintendoDS Artikel vom 10.03.2009





Anmerkung: „Bonsai“ ist hier keine sprechende Zimmerpflanze aus einem SciFi-Spiel, sondern ein guter Freund - dieser (sehr interessante!) Beitrag kam neulich in einem Computer-Gespräch zustande. Viel Spaß!

Bonsai: Hi! Ich habe mir deinen Text im stinklangweiligen Informatik-Unterricht mal durchgelesen. An sich gefällt er mir, gerade die Stelle mit den Kaugummi-Geschmacksrichtungen. Delikat! Ich kann dich sehr gut verstehen, immerhin verlieren diese stagnierenden Himbeer- und Pfefferminz-Sorten total an Reiz! Doch zurück zur kaugummifreien Quintessenz: Ich störe mich etwas am Resultat. Wenn der Mensch es abscheulich findet, was er auf dem Bildschirm wahrnimmt und Abstand nehmen will, spielt er es nicht. Ob er es nun Gleichgesinnten verbietet oder die Wahl lässt, ist egal. Aber wie wir sehen, will der typische Konsument der besagte „Killerspiele“ daddelt, gar nicht Abstand davon nehmen, sondern das Töten erleben! Er will, was er tut, weil er sich dadurch überlegen fühlt. Wäre der Mensch so gestrickt wie Horváth es meint, dürfte dieser Effekt nicht eintreten. Demnach will der „Killerspieler“ (die Anführungsstriche nerven, oder?) töten, um seine Lüste zu befriedigen. Was ich mit diesem dramentauglichen Monolog sagen möchte: Ich bin mir nicht sicher, inwieweit das zu vergleichen ist.



Alanar: Der Informatik-Unterricht, jaja... Zeit, für die wichtigen Kleinigkeiten im Leben. Du hast durchaus Recht und so ziemlich die einzige (!!) Schwäche des Artikels erfasst: Sie beruht auf Horváths mittlerweile vielleicht veralteten Beobachtungen. Allerdings ist es auch schwer, alle Personen gleichsam über einen Kamm zu scheren. Vor allem wenn man bedenkt, wie unterschiedlich unsere Lebensweise heutzutage ist. Horváths Theorie war zu dem Zeitpunkt etwas Neues! Er hat einigermaßen plausibel zusammengefasst, warum einem Großteil des Publikums seine Stücke nicht gefallen haben. Darunter gab es natürlich auch diejenigen, die seine Werke für brillant hielten. Die Gegnerzahl war jedoch weitaus höher. Und heute? Wir sind eigentlich mit diesem Phänomen relativ gut vertraut. Horváth gehört zur Riege der großen Autoren und wir reagieren heutzutage auch nicht mehr so abweisend auf seine Werke, wie es die Menschen damals getan haben.

Bonsai: Hm... Mir fehlen gerade die Worte, das Drama ist fast vollkommen: Irgendwie würde es ja für dich bedeuten, dass der Text als „nicht aktuell“ bzw. „nur bedingt übertragbar“ gelten würde, was wiederum viel Mühe zerstören würde. Ein Ding der Unmöglichkeit! Ich wollte jetzt doch nicht der Rebell sein, der dir den Wind aus den Segeln nimmt, die Grundidee fand ich nämlich äußerst gut... Schnief.

Alanar: Ach Quatsch, schon in Ordnung! Ich weiß ja selber, wo der Fehler liegt. Aber andererseits ist dein Punkt auch ein anderer: Warum glauben Zocker, dass die ganze Aufregung von Politikern und Prüfungsstellen überflüssig ist? Warum wollen die Gegner das Medium aus unseren Behausungen verbannen? Und warum reagieren wir anders? Genau da könnte Horváths alte Theorie greifen. Jeder kann Filme, Bücher oder eben Videospiele anders wahrnehmen. Was Max als abstoßend empfindet, kann für Moritz anziehend sein. Und während der normale Zocker vielleicht schon eine gewisse Zeit mit dem Medium aufgewachsen ist und es deswegen quasi nach Aristoteles konsumiert, verkehren Eltern oder andere Erwachsene, die sich noch nicht allzu sehr damit auseinandergesetzt haben, vielleicht noch zu sehr auf der „Fremdheitsebene“. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie einen Shooter spielen, Zombies die Köpfe wegschießen oder aus der Ego-Persktive ein Messer führen.

Bonsai: Wir sehen den Weg, uns mental zu befriedigen, in Gefahr. Es wäre schwerer, an das Zeug heranzukommen und am Ende würde es die Industrie zerstören, die die Spiele herstellt, was wiederum den begeisterten Zocker dazu bringt, dagegen zu sein. Eine Kausalkette, siehst du? Zudem überblicken viele Betroffene auch nicht, dass ein Funken Wahrheit in den Behauptungen liegt... Nicht jeder Mensch kann entscheiden, ob etwas, was er (virtuell) tut, richtig oder falsch ist. Ich denke das Problem besteht darin, dass wir zwei verfestigte Fronten haben. Beide behaupten, sie wüssten, was sie tun - sie wissen zu glauben, was in jedem einzelnen Hirn vorgeht. Demnach ließen sich generelle Richtungen ausmachen. Aber das Individuum kann sie eben nicht ausmachen, jede Reaktion ist anders!

Was aber eindeutig ist: Das Spielen gibt dem Zocker einen Kick - egal, welche Discs, welche Module er einlegt. Ob man nun mit einem Rennauto über den Asphalt heizt, virtuelle Menschen niederschnetzelt oder knallbunte Puzzles mit Hawai-Flair spielt. Demnach ist es der Spaß, der alles legitimiert - und wenn der böse Politiker dir den Spaß nehmen will, bist du eben dagegen. Und wenn dies aus Gründen passiert, die für den Betroffenen nicht (unmittelbar?) einsehbar sind, haben wir die vielfach diskutierte Problemsituation. Der Knackpunkt ist demnach vielleicht nicht der Ekel, sondern eine andere Perspektive von Menschen, die diesen Kick nicht erlebt haben.

Alanar: Wow. Gute Überlegung... Wobei ich da gerne noch zwei Ideen hinzufügen möchte, bezüglich der Wirkungsveränderung und der „Abstumpfung“, die ja gerne mal als DAS Gegenargument schlechthin geliefert wird. Viele Entwickler sind ja daran interessiert, dass das Medium Videospiel endlich allgemein akzeptiert wird. Eine Möglichkeit dafür ist die immer filmähnlichere Aufmachung mancher Titel. „Metal Gear Solid 4“ zum Beispiel ist ein einziger, gut 10 bis 15 Stunden-langer Blockbuster mit ein paar kleinen spielerischen Einlagen. Nach diesem Theorie-Vergleich möchte man also weg vom Horváth-Effekt und hin zur Aristoteles-Wirkung

Genau hier sollte dann auch die „Abstumpfung“ greifen: Der Mensch soll sich daran gewöhnen, er soll es nicht als „abstoßend“ empfinden, sondern wie bisherige Medien aufnehmen und akzeptieren. Bei den normalen Videospielern hat das bisher funktioniert. Die konsumieren Games, wie Kinogänger oder DVD-Käufer Filme erleben. Bei anderen Personen steht diese Barriere allerdings noch - und das sind diejenigen, die gegen „Killerspiele“ laut werden.



Bonsai: Na schön, aber immer noch sind Handlungen dabei, die dich zum aktiven Eingreifen verleiten - in Form des eigentlichen Tötungsaktes, ohne den MGS einfach nicht „glücklich“ wird... Demnach nimmt der Mensch wieder daran teil. Und theoretisch sind die Diskussionen über besagte Games sowieso hirnrissig, solange man Filme nicht mit einbezieht. Man schaut sich inzwischen absichtlich Filme an, die Gewalt haben. Die „SAW“-Reihe wäre nicht interessant, wenn dir abgesägte Gliedmaßen und in Todesangst stehende Menschen keinen Kick geben würden! Und dieser Kick kommt eben nicht durch Distance, sondern durch die erzeugte Spannung und krasse Handlungen, die nicht alltäglich sind - in Form des Tötens. ...Aber ich glaube, ich komme so langsam vom Thema ab.

Zur Abstumpfung fallen mir keine nützlichen Gedanken mehr ein... Es bestätigt ja das vorhin von mir gesagte - nur muss man wieder das Individuum sehen, das alles anders aufgreift. Moritz stachelt es an und erhöht dessen Reiz, selbst in derartiger Hinsicht „aktiv“ zu werden. Max sieht irgendwo jemanden verbluten und regt sich darüber auf, dass er die Flecken nicht mehr aus dem Fußboden bekommt.

Alanar: Simpel gesagt -und um dich nicht länger von der beflügelnden Schulausbildung abzuhalten- könnten wir uns doch darauf einigen, dass die Horváth-Theorie (wie jedes andere Modell) nicht allgemein greift, also nicht auf jedes Individuum zutrifft - was verständlicherweise auch ein Ding der Unmöglichkeit ist. Allerdings erläutert sie vielleicht die Absichten und Denkweisen eines Teils der „Killerspiel“-Gegner - oder zumindest eine mögliche Denkweise, richtig?

Bonsai: Sehr dimplomatischer Vorschlag, Kollege! Dann kann ich auch weiter an meiner Marktidee für Kaugummi mit Zimt-Chilli-Geschmack tüfteln... Aber mir fehlt noch der Teil, dass der Mensch einen Kick haben will, der nicht eine Distanz schafft, sondern ihn integriert und somit seine Lüste befriedigt anstatt davon Abstand zu nehmen und es als Ekel abzutun - und dass der Shooter-Gegner dieses Gefühl nicht erlangen will oder kann.

Alanar: Es fehlte also lediglich eine andere Sichtweise - Ich danke dir für deine Ergänzungen, die diese professionell wirkende Ausweitung der Kolumne ermöglichten! Kriegst bei unserer nächsten gemeinsamen Unterrichtsstunde nen Keks. Und PS: Zimt-Chilli-Kagummis gibt es schon.

Bonsai: Danke und... Mist. Ich glaub, nach Info geh ich nach Hause und zock ne Runde CS.
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