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3. Advent: Zockvorfreude

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Autor: Christian Luscher

Kategorie: Kolumnen
Umfang: 1 Seiten

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NintendoDS Artikel vom 12.12.2010

In dem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, warte ich auf den Postboten. Er soll mir „Golden Sun: Die dunkle Dämmerung“ für den DS bringen, das gestern oder vorgestern herausgekommen ist. Ich bin schon ganz hibbelig und kann es kaum abwarten! Kennt ihr das auch? Natürlich kennt ihr das auch. Die Vorfreude gehört schließlich zum Zocken dazu. Grund genug, sich einmal eingehend mit diesem Phänomen zu befassen. Wir präsentieren: das Phasenmodell der Vorfreude!




Her damit, Postbote!



Gott segne die Duke-Nukem-Fans, die wie verlassene Hunde seit dreizehn Jahren auf die Fortsetzung ihrer eigentlich doch eher mittelmäßigen Serie hoffen. Sie sind der Inbegriff der Zockvorfreude. 1997 wurde „Duke Nukem Forever“ angekündigt, im Februar 2011 soll es (angeblich!) rauskommen. Die einstmals jungen Fans werden dann mindestens 33 Jahre alt sein. Wie ich auf dieses Alter komme? Nun, lasst uns mal rechnen. Im Jahre 1996, dem Zeitpunkt, als der Vorgänger „Duke Nukem 3D“ herauskam, müssen die Fans mindestens 18 Jahre alt gewesen sein. Schließlich war das Spiel von USK und PEGI erst ab 18 freigegeben. Und wer traut sich schon, ein Game zu zocken, für das er vom Alter her noch ungeeignet ist? Außerdem: Wenn tatsächlich Unter-Achtzehnjährige das Spiel damals gespielt haben sollten, wären die von all den pädagogisch wertlosen Inhalten sowieso bis heute seelisch verkrüppelt. Solche Leute klammere ich mal aus.




Warum waren sie nicht mit der GBC-Version zufrieden?



Nun denn, die Personen, die im Jahr 1996 achtzehn waren, freuten sich auf das angeblich im nächsten Jahr erscheinende Spiel. Und freuten sich... und freuten sich... und alterten... manche heirateten vielleicht, andere wiederum leben bis heute im Keller ihrer Mutter und verbringen ihre Zeit damit, das olle Duke Nukem zu spielen, sich währenddessen Chipskrümel aus den Brusthaaren zu pflücken und zu verspeisen... ein verstörendes Bild, fürwahr. Nun aber meine Frage: Wieso freuen sich Zocker so sehr auf Spiele, für die oftmals noch nicht mal ein Release-Datum feststeht? Warum brechen sie vor hysterischer Ekstase fast zusammen, wenn nur ein wacklig abfotografierter Screenshot aus irgendeiner japanischen Obdachlosenzeitschrift den Weg in ihre Hände findet? Warum tun wir uns das an, Herrschaften?





Vorfreude wird im Allgemeinen mit Kindern assoziiert. Und in der Tat, gerade Kinder freuen sich ganz besonders auf irgendwelche Spiele, die sie zu Weihnachten oder sonstwann bekommen. Nehmen wir ein Beispiel aus meiner eigenen nintendonerdigen Zockerkindheit: Ich erinnere mich wie gestern, als ich zu Weihnachten 1993 nach langem Vorfreuen das Zelda-Spiel „Link's Awakening“ für den Gameboy geschenkt bekam. Damals war es allerdings noch ein wenig schwieriger, sich vorzufreuen, denn man konnte nicht so einfach ins Internet gehen und schauen, was gerade angesagt ist. Infos über neue Spiele verbreiteten sich zum einen durch Schulhofgespräche, zum anderen aber über Zeitschriften. Hier sei das ehrenwerte Club-Nintendo-Magazin genannt, das es verstand, die Fans mit vagen Vorausdeutungen und ekstatischen Vorab-Besprechungen so richtig heiß zu machen. (Tatsächlich hatten sie das SNES-Game „Donald in Maui Mallard“ schon komplett gelöst, als das Spiel noch nicht mal in den Regalen stand.) Ein wichtiger Anheizer war natürlich auch der Club selbst, dem jeder, der etwas auf sich hielt, beitrat und der mit dem regelmäßigen Versand von Gameplay-Videos, Soundtrack-Kompilationen aktueller Spiele und Ähnlichem die Vorfreude auf orgiastische Höhen zu treiben versuchte. Ich trage meinen Nintendo-Clubausweis übrigens noch heute in meinem Portemonnaie bei mir. Ich hatte die Clubnummer 01392385. (Selbstverständlich kann ich sie auswendig.)




In dieser Ausgabe wurde ich übrigens namentlich erwähnt und meine Witzigkeit gepriesen. Glaubt ihr nicht? Schaut auf die letzte Seite!



Regelmäßig in der Vorweihnachtszeit verschickte der Club Postkarten mit Nintendo-Figuren drauf, um die Kinder zu erinnern, auch ja Videospiele auf den Wunschzettel zu schreiben. Und siehe da – es wirkte! Überhaupt waren Spiele damals noch ganz schwer zu bekommen. Die Jüngeren unter euch werden sich kaum erinnern, aber damals musste man noch in Läden gehen und die Spiele kaufen – sofern sie gerade vorrätig waren. Mitte bis Ende der Neunziger betraten einige spezialisierte Videospiel-Versandhäuser das Parkett, bei denen man (per Telefon, selbstverständlich) die gewünschten Games bestellen konnte. Auf meinen damals entstandenen Erfahrungen entwickelte ich das, was ich an dieser Stelle einmal mein „Phasenmodell der Vorfreude“ nennen möchte. Und das geht so:


Phase 1: Vor-Vor-Vorfreude
Dies ist die Phase, in der es nur vage Infos über ein eventuell irgendwann mal erscheinendes Spiel mit einem nichtssagenden Arbeitstitel gibt. Richtige Freude kommt hier nur auf, wenn etwa die Entwicklerfirma einen guten Ruf hat oder es die Fortsetzung einer beliebten Spielereihe ist.





Phase 2: Vor-Vorfreude
Diese Phase beginnt, wenn mehr und mehr Informationen zum Spiel bekannt werden. Die ersten Screenshots tauchen auf, die Feinheiten des Gameplays werden erläutert, vielleicht wird der Titel in seine endgültige Form gebracht. Scheint das Spiel vielversprechend, macht man sich eine geistige Notiz: Okay, das muss ich definitiv im Auge behalten.


Phase 3: Vorfreude
Das Releasedatum ist bekannt! Nun springt der echte Zocker in Aktion. Entweder werden Vorbestellungen getätigt oder man liegt wochenlang den Eltern in den Ohren, wie toll es doch wäre, dieses Spiel zu haben und guck mal, ich hab ein Bild gemalt von Link, weißt du warum, weil der in dem Spiel mitspielt, das ich unbedingt haben muss, sobald es rauskommt!!! Für viele ist diese Phase der erste Höhepunkt des Vorfreudezyklus.


Phase 4: Beinahefreude
Es ist soweit! Entweder, man bekommt die Nachricht, dass das Spiel soeben versandt wurde, oder die Eltern haben unmissverständlich klargemacht, dass sie den Wunsch kapiert haben (Meine Güte, wegen einem Spiel so viel Aufhebens machen!). Jetzt erreicht die Freude eine Art Plateauphase. Man weiß, man wird es über kurz oder lang in den Händen halten, es ist nur eine Frage der Zeit. Es ist unausweichlich. Man zählt die Stunden, hockt jeden Tag am Fenster, um den Paketboten zu erspähen und ist gespannt wie ein Flitzebogen.




Ich halte die Spannung nicht mehr aus!



Phase 5: Die Entladung
In dieser Phase hält man das Objekt der Begierde endlich in den Händen. Nun verwandelt sich die Vorfreude in etwas anderes. Meist ist es pure, leicht irre Freude. Wie das aussieht? Lassen wir es die N64-Kiddies einmal demonstrieren:





Na ja, diese Art von Freude ist schon nicht mehr nur leicht irre. Doch wenn man das Spiel in sein jeweiliges System geschoben hat und anfängt, sich damit zu beschäftigen, macht sich – gebt es zu! – eine Art Ernüchterung breit. Und zwar unabhängig davon, ob das Spiel nun gut oder schlecht ist. Ja, idealerweise spielt man schon ganz gerne, aber irgendwie – war die Vorfreude schöner. Es ist schließlich nur ein Videospiel...


Und genau hier komme ich zum Knackpunkt meiner Analyse. Denn genau hier sieht man die wahre Beschaffenheit der Vorfreude. Auch wenn man genau das Spiel bekommt, das man sich gewünscht hat, auch wenn es alle Versprechungen hält, die man gelesen hat – irgendwie ist man doch ein winzigkleines bisschen ernüchtert. Das hat einen einfachen Grund, liebe zockende Leser und lesende Zockerinnen! Im Grunde freuen wir uns nämlich nicht auf ein spezielles, sehr reales Spiel, sondern während der Vorfreudephasen baut sich in unseren Köpfen unser Spiel auf, ein ideales Spiel, das Spiel aller Spiele – dass ein solches imaginäres Spiel niemals existieren kann, ist selbstverständlich. Dennoch tragen wir Zocker sie in uns herum, unsere persönlichen imaginierten Spiele, und sie tragen dazu bei, dass die Vorfreude erst zu dem wird, was sie ist. Zocker haben nämlich doch Fantasie! Wer braucht daher noch Spiele? Ist nicht unsere eigene Zockerfantasie das schönste Videospiel? … Oh, Moment, es hat geklingelt. Ich glaube, das ist der Postbote mit „Golden Sun“... Oh Gott, das wird sicher das beste Spiel aller Zeiten!!!





Wurde wirklich und ganz ehrlich im August 1996 im Club-Nintendo-Magazin gepriesen: Christian Luscher – damals noch nicht für Portablegaming.de!
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